"Ueber die Eide"
Zucht und Kritik im Preussen der Aufklärung
2010, 334 Seiten, Festeinband mit Schutzumschlag, EUR 39.90 / CHF 53.90
ISBN: 978-3-86253-000-7

Marcus Twellmann, geb. 1972, ist derzeit wissenschaftlicher Koordinator der Forschungsstelle »Kulturtheorie und Th eorie des politischen Imaginären« im Exzellenzcluster Kulturelle Grundlagen von Integration an der Universität Konstanz. Mit der vorliegenden Schrift hat er sich 2009 im Fach Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Bonn habilitiert.

Über das Buch

Über Amtseide und Bekenntniseide, Judeneide,Gerichts-, Huldigungs- und Fahneneide stritten die Gelehrten des 18. Jahrhunderts mit einer Intensität, die zunächst überrascht. Aber gerade hier zeigt sich die Aktualität der Aufklärung. 
Denn schon im Zeitalter der Aufklärung mussten die Eide als staatliche Einrichtungen der Disziplinierung wie Überreste einer Verknotung von Politik, Recht und Religion erscheinen, deren Auflösung längst begonnen hatte. Gerade am Eid entzündete sich die Kritik von Theologen und Philosophen, Juristen und nicht zuletzt Literaten. Ihre literarischen Techniken und Taktiken werden in dieser Studie untersucht. Dabei zeigt sich, dass in der Auseinandersetzzung mit den Regierungspraktiken des Absolutismus die Parteigänger der Aufklärung Schreibverfahren entwickelten, die die institutionellen Voraussetzungen ihres Denkens, Redens und Publizierens thematisierten und verhandelbar machten. Auf dem Spiel stand nicht mehr und nicht weniger als die Möglichkeit eines Raumes der aufklärerischen Kritik. Die Frage des Eids nämlich betraf auch die Rechtsstellung vieler Aufklärer und damit die Bedingungen ihres Schreibens. Denn als Amtsträger waren sie vielfach selbst eidlich gebunden. Immanuel Kant etwa, Professor und zeitweiliger Kanzler einer staatlichen Universität, trug seine Lehre in einem staatsfreien Raum vor, der zugleich nur durch den Staat eröffnet und garantiert werden konnte. Sein Bestand war abgesichert durch Eide. Die in diesem Buch dargestellte Kunst der Kritik erweist die ungebrochene Aktualität von Aufklärung, spielt sie sich doch an jener Grenze ab, an der Wissen und Macht im Konflikt stehen. 

Inhalt

Einleitung 

Zur Genealogie des Eids  / Zucht und Kritik – zur Dialektik von Konfessionalisierung und Säkularisierung  / Die Befreiung des Gewissens  / Veridiktion und Zensur

 

I. Der Eid als ein Werkzeug der inneren Zucht und die Eideslist des »gemeinen Mannes« 

Die Annalen der Gesetzgebung und Rechtsgelehrsamkeit in den Königlich-Preußischen Staaten  / Eine »Anekdote«  / Schwören im Rechtsgang  / Recht und Moral  / Glaube und Aberglaube  / Die List des »gemeinen Mannes«

 

II. »Fetischbäume, Fetischfi sche, Fetischvögel« – das Zeremoniellwesen der Aufklärung 

Höfisches und kirchliches »Ceremoniel«  / Die »Politisierung« des Gottesdiensts / Gegen eine Religion der Observanzen  / Die Schwurzeremonie  / »Die Neger«, ihre Fetische und die preußische Rechtspraxis 

 

III. Die Läuterung der tortura spiritualis durch die Universitätsphilosophie. Der Eid bei Immanuel Kant

Kants Eide  / Rechtsphilosophie und Rechtspolitik  / Verfolgung und die Kunst des Schreibens  / Das Ende der Gottesfurcht  / »Nur auf den Fall, daß ein Gott sei« – Schwören gemäß der Postulatenlehre  / Die Restauration des Eids 

 

IV. Klerikalmoden. Historische Dogmenkritik im populären Roman: Friedrich Nicolais Sebaldus Nothanker

Mode im Zeitalter der Aufklärung  / Perücken und Gewänder preußischer Priester  / Die Theologische Historisierung der Dogmen  / Wissenschaft und Polizey  / Literarische Dogmenkritik 

 

V. »Überall kein Kirchenrecht« – Judeneide und Eide überhaupt nach Moses Mendelssohn 

Schutzjude in Preußen  / Eid und Toleranz  / Judenfeindlichkeit im Prozeßrecht / Zeremonielle Differenz  / Gesetzliche Doppelbindung  / Jüdische Philosophie?  / Verschiebungen im System des Naturrechts  / »Überall kein Kirchenrecht« / Das »ächte« Judentum  / Empfindsame Religionsgespräche
 

VI. Fahneneid und Vaterlandsliebe im bürgerlichen Trauerspiel: Johann Jakob Engels Eid und Pflicht

Ein bürgerliches Trauerspiel und Soldatenstück  / Kontributionserpressung und Zwangsrekrutierung / Der preußische Fahneneid / Eine Ausgeburt der Kriegspublizistik / Eidespfl icht / Vaterlandsliebe 

 

VII. Gegen-Aufklärungen: Johann Georg Hamann, Carl Schmitt und »die Juden« 

Die Entseelung des Leviathan  / »Existentielle Bindung«  / Judentum und Kritizismus / »Zwo todte Hälften« / Schwurverbot und Gottesbund / Sprachverwirrung als Wortbruch / Deutsche Aufrichtigkeit 

 

Schluß

Nach der Aufklärung / Die lange Dauer der Zucht und das bleibende Recht der Kritik / »Rückkehr des Religiösen«? 

 

Siglen

Literaturverzeichnis

Abbildungsnachweise

Personenregister 

Sachregister

Leseprobe