Literatur als Prozess

Drostes "Geistliches Jahr" als Schreibzyklus
1. Aufl. 2014, 241 Seiten, 13 s/w Abb., kart., EUR 30.90 / CHF 37.70
ISBN: 978-3-86253-045-8

Über das Buch

Mit dem »Geistlichen Jahr« erlaubt ausgerechnet der Text, der die Traditionsverfallenheit Annette von Droste-Hülshoffs wie kein anderer zu dokumentieren scheint, einen Blick auf die ›avantgardistischen‹ Elemente ihres Schreibens: Er ermöglicht eine literaturhistorische Revision des Zyklus und seiner Autorin.

Drostes Handschrift mutet denjenigen, die sie lesen wollen, einiges zu. Das gilt auch für das Manuskript des »Geistlichen Jahres«: Weite Teile des Gedichtzyklus sind in einer mikrographischen, nur schwer zu entziffernden Handschrift verzeichnet, hunderte Verse finden auf einem Folioblatt Platz, die Entwürfe sind mit Unmengen an Korrekturen und Ergänzungen versehen. Entsprechend gilt das Manuskript des »Geistlichen Jahres« als ›Kreuz der Droste-Forschung‹. Das aber liegt nicht zuletzt an einem Zugriff, der das Manuskriptblatt auf seine Funktion als Textträger reduziert und lediglich als Grundlage der Erstellung eines edierten Textes betrachtet.

Die vorliegende Studie schlägt einen anderen Blick auf die Droste’schen Kryptographien vor, indem der Fokus auf die Bildlichkeit der Handschrift und den auf dem Papier dokumentierten Schreibprozess Droste-Hülshoffs gelegt wird. So erscheint das auf den Blättern Praktizierte weniger als Problem, denn als Potenzial des Textes. Das Manuskript zeigt, dass das »Geistliche Jahr« von der Schreibenden als work in progress fixiert wird. Drostes Schreiben produziert Text – allerdings keinen, der zur geschlossenen Gestalt strebt. Der angeblich so rückwärtsgewandte Gedichtzyklus wird als moderner kenntlich, weil er sich durch ein verschärftes Spannungsverhältnis zwischen Text und Schreiben auszeichnet, wie es für die Literatur der Moderne seit dem späten 19. Jahrhundert kennzeichnend ist. Droste-Hülshoffs ›Lebenswerk‹ avanciert zum Schreibzyklus, der auf die fortwährende Verlängerung des Schreibprozesses angelegt ist; und auch die Texte des »Geistlichen Jahres« – das wird in exemplarischen Lektüren einzelner Gedichte gezeigt – verhandeln in selbstreflexiven Passagen geradezu versessen diesen Status des Zyklus als unendliches Schreibprojekt.