
»Nehmt Scheren« erzählt die unwahrscheinliche Aufstiegsgeschichte eines unauffälligen Werkzeugs. Juliane Vogel zeigt, wie die Schere zum unverzichtbaren Produktionsmittel im Umgang mit den modernen Massenmedien wurde und wie sie sich in die Ateliers und auf die Schreibtische vorarbeitete. Nach 1900 und während des Ersten Weltkriegs begründet sie ein neues Modell von Kreativität, das mit den Konzepten der Originalität und der Autorschaft brach, die noch die bürgerliche Kunst bestimmt hatten. Gezeigt wird jedoch auch, dass Scherenpraktiken schon lange populär waren, bevor sie von den Dadaisten und Surrealisten aufgegriffen, weiterentwickelt und reflektiert wurden.
Im Zentrum des Buches stehen weniger diese Scherenpraktiken selbst als die Vorstellungen, die die Schere und ihre Praxis bei ihrem Aufstieg begleiteten: Vorstellungen von sekundärer Originalität, Inklusivität, sexueller und geschlechterpolitischer Mehrdeutigkeit, Flüchtigkeit, Selbsttätigkeit und nicht zuletzt von Gewalt, die von ihren Schneiden ausging und die sie als Werkzeug der Moderne kennzeichnete. Juliane Vogel interessiert sich für die Papierkontakte der Schere ebenso wie für die Bedeutungen, die dem Schneiden mit der Schere zugeschrieben wurden und die bis heute unser Verständnis der Collage und Montage mitbestimmen.