
Um 1800 betritt der vertrauensvolle und vertrauenswürdige Mensch die Bühne. Im Umgang mit Komplexität, mit Nichtwissen, mit einer vernebelten Vergangenheit und einer offenen Zukunft hat das Vertrauen Konjunktur. Die Rolle des Misstrauens in der politischen Kommunikation kommt auf den Prüfstand. Doch mit den Umbrüchen und demokratischen Experimenten der Französischen Revolution, dem Untergang alter und dem Auftauchen neuer Mächte sind Vertrauen und Misstrauen über Regierungsformen und Herrschertypen neu zu verteilen. Welches Misstrauen kann sich retten und bewähren, welches kommt in Verruf, welches ist neu zu erfinden?
Jeannie Moser untersucht die europäische Literatur- und politische Theoriegeschichte seit dem 16. Jahrhundert daraufhin, wie das Misstrauen wahrgenommen, problematisiert, codiert und in Form gebracht wird. Neben Machiavelli, Gracián, Wieland, Schiller und Kleist stehen Lustspiele des 18. Jahrhunderts, der Liberalismus des 19. Jahrhunderts (Constant), Futurologien der 1960er Jahre sowie postfaktische Diskurse und (Selbst-)Managementtheorien der Gegenwart im Fokus. Das Misstrauen erscheint als Rationalität und Affekt, tritt konstruktiv und weitsichtig in Erscheinung oder gilt als exzessiv und krank. Jeannie Moser rekonstruiert eine Geschichte der longue durée des Misstrauens – wirkmächtig bis heute, bisweilen mit Tarnkappe oder unter anderem Namen.