Rechtstrieb

Schulden und Vollstreckung im liberalen Kapitalismus 1800–1900
1. Aufl. 2016, 328 Seiten, kart., EUR 32.90 / CHF 39.90
ISBN: 978-3-86253-077-9

Über das Buch

 

Kapitalismus: Ein Alltag der Schulden

 

Das Buch von Mischa Suter unternimmt eine historische Ethnographie in die prekäre Ökonomie des 19. Jahrhunderts, indem es den Moment ins Zentrum rückt, in dem Schulden unbezahlbar werden. Der »Rechtstrieb«, die rechtlich sanktionierte Eintreibung von Schulden, formte einen Strom aus unzähligen Forderungen, Konflikten und Friktionen, die in ihrer Konkretheit sichtbar gemacht werden.

Vor allem anderen sind Schulden ein Kräfteverhältnis, in dem ökonomische Beziehung und moralische Bewertung ineinander fließen. Der Alltag im liberalen Kapitalismus des 19. Jahrhunderts war ein undurchdringliches Geflecht solcher Verhältnisse. Wurden Schulden unbezahlbar, gerieten die von ihnen bestimmten Situationen in eine Schieflage. Die Eintreibung von Schulden war dabei eine basale Technik, die Zwangsvollstreckung ein Recht, das Sachverhalte voneinander abgrenzte, Werte umriss und Verhältnisse neu vermittelte: ein Recht der Wissenspraktiken, das unmittelbar auf die Lebenswelt der Betroffenen durchschlug. Männliche Schuldner riskierten den Verlust ihrer Bürgerrechte, Schuldnerinnen wurden unter Vormundschaft gestellt. So formte das Schuldenrecht Figuren wie den »bürgerlich toten Falliten« oder den formal definierten, einer gesonderten Konkursordnung unterstellten »Kaufmann« aus. Dem Rechtstrieb eignete vor seiner Vereinheitlichung im ausgehenden 19. Jahrhundert eine Vielzahl von Routinen, wie am Beispiel der Schweiz – einem Labor des ökonomischen und politischen Liberalismus – gezeigt wird. Sie bestanden aus Fristen, Registern, Protokollen, verpfändetem Hausgerät, Mahnzetteln und protestierten Wechseln. Die Formen und die Metamorphosen des Rechtstriebs verkörperten so die Widersprüche des liberalen Kapitalismus. Mischa Suters Buch interveniert in die Wissensgeschichte des Ökonomischen ebenso wie in die Debatte zum historischen Kapitalismus: Es ist eine Aufforderung, Konflikt, kollidierende moralische Sichtweisen und epistemische Konfusion als Kern des Kapitalismus zu erkennen.

 

 

 

 

Leseprobe

Pressemeldungen

Merkur, 01.02.2017

 

„Der Basler Historiker Mischa Suter wendet sich in seiner Studie über Schuldenvollstreckung im 19. Jahrhundert gegen“ die „zeitlosen, essentialisierenden Interpretationen“ im Stile David Graebers, „denen er ein mangelndes Gespür für Veränderlichkeit und Gegenläufiges vorhält.“

WOZ, 05.01.2017

 

"Der Zürcher Historiker Mischa Suter liefert mit seinem Buch «Rechtstrieb»eine Sozialgeschichte der Schulden und ihrer Vollstreckung", schreibt Rezensent Raul Zelik.

H-Soz_Kult, 20.12.2016

 

"Mischa Suter zeigt mit seiner in jedem Kapitel interessanten und anspruchsvollen Untersuchung über das Institut der Zwangsvollstreckung..., dass es sehr wohl gelingen kann, mit einer kulturanthropologischen Betrachtungsweise ... neue Erkenntnisse über kulturelle Eigenarten einer bürgerlich-liberalen Gesellschaftsordnung zu gewinnen". Hier geht es zur vollständigen Besprechung von Monika Wienfort.